Flusskreuzfahrten in Deutschland

Herbeigesehnt oder weggewünscht?

Flusskreuzfahrten. Ein seit Jahren bedeutendes Segment im deutschen Incoming. Laut DRV wuchs das Gesamtpassagieraufkommen auf europäischen Flüssen 2017 um 4,9 % auf 1,42 Millionen Passagiere. In Städten wie Heidelberg oder Koblenz sind die Schiffe von den Anlegestellen nicht mehr wegzudenken. Doch gerade in Zeiten der Overtourism-Debatte scheint sich der ein oder andere die Schiffe zumindest gern wegzuwünschen.

Die Schattenseiten

Kreuzfahrer übernachten auf den Schiffen, verbringen oft nur wenige Stunden in der Destination. Wie Ameisen landen Sie auf einen Schlag an Land und erkunden die Innenstädte und Hauptattraktionen, sodass sich die Bewohner gestört fühlen. Ausflügler, die mit dem Bus zu Attraktionen gebracht werden, lösen häufig Staus und Parkchaos aus. Teilweise werden die Landprogramme ohne die Touristiker vor Ort geplant und schnell wechselnde Zuständigkeiten bei den Veranstaltern erschweren die Kommunikation. Ist dieses Tourismussegment also nur negativ für eine Destination?

Die sonnigen Seiten

Flusskreuzfahrten fördern Wirtschaft und Tourismus: Einzelhandel und Gastronomie in den Innenstädten profitieren von den Gästen. Auch wenn die Liegezeiten nur kurz sind, sie werden für Shopping, einen Kaffee oder eben auch eine Stadtführung mit einem lokalen Guide genutzt. Pro Gast und Landgang werden im Durchschnitt 30€ ausgegeben – bei Gruppengrößen von ca. 150 Personen ein beträchtlicher Gesamtbetrag. Außerdem bringen Landausflüge die Gäste auch zu Highlights in der umliegenden Region. Nicht zu vergessen sind auch weitere Einnahmequellen für die Städte wie Hafenliegegebühren, Stromabnahme sowie die Müll- und Frischwasserentsorgung.

Kreuzfahrer willkommen heißen – Übernachtungsgäste gewinnen

Fühlt sich der Kreuzfahrer vor Ort wohl und wird herzlich aufgenommen, wird er zu einem wichtigen Multiplikator. Er erzählt Freunden und Familie von seinen Stopps und wird vielleicht sogar nächsten Besuch selbst zum Übernachtungsgast!

Längere Liegezeiten und Besucherlenkung. Geht das überhaupt?

Einige Flusskreuzfahrt-Destinationen arbeiten bereits an einer Lösung, um den Herausforderungen zu begegnen. Die kurzen Liegezeiten, häufig zu einer Zeit, in der sowieso schon viel los ist, sollen verlängert oder verlagert werden. Das ist nicht einfach, passt dies oft nicht in die Planung der Veranstalter. Hier ist Kommunikation das A und O. Destinationen sollten nicht aufhören mit dem Versuch, in einen intensiven Dialog mit den Veranstaltern zu treten und die Probleme gemeinsam anzugehen. Denn letztendlich betrifft es den Anbieter ebenso.

Besucherlenkung kann auch in diesem Fall wieder ein Baustein sein, um die Massen zu entzerren und mehr Einnahmen zu generieren. Gibt es in Ihrer Destination schon spezielle Programme, die die Highlights z.B. antizyklisch vorstellen oder schnelleren Zugang zu Attraktionen bieten mit einer Art „Quick Pass“?

Oder wäre eine Kooperation mit Restaurants eine Möglichkeit, um Kreuzfahrermenüs anzubieten? Gerichte, die schneller zubereitet werden können, sodass Zeit gespart wird. Die dann vielleicht für einen Cappuccino nebenan genutzt wird.

Fazit

Flusskreuzfahren wegzuwünschen greift also zu kurz. Dennoch sind die Herausforderungen komplex. Damit die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippt und die Akzeptanz erhalten bleibt, sollten alle Verantwortlichen an einen Tisch geholt werden: Tourismusverantwortliche, Gästeführer, Gastronomie,… Und, nicht zu vergessen: die Einwohner der betroffenen Städte.

Es hilft, die Identifikation mit der eigenen Destination, aber auch mit dem Gast zu steigern. Hintergrundinformationen und Wissen müssen nach innen vermittelt werden und den verschiedensten Interessen sollte gleichberechtigt begegnet werden. Unterschiede in der Wahrnehmung der Probleme, andere Ziele und Interessen und regionale Herausforderungen lassen kein Allheilmittel zu. Vielmehr sollte jede Destination ihre Herausforderungen individuell beleuchten und die passende Strategie erarbeiten. Einige Ansätze dazu haben wir bereits in unserem Beitrag zum Thema Overtourism vorgestellt.

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